Bärenkult, Hausaltar und Göttergaben


Bereits der Mensch der Steinzeit hatte die Erfahrung gemacht, dass ihn die aktive Auseinandersetzung mit seiner Umwelt dieser natürlichen Umgebung entfremdete. Je mehr er Dinge und Zusammenhänge in der Natur beherrschen lernte, wuchs auch sein Bewusstsein, wieviel er nicht beherrschen konnte. All dies Unbeherrschbare wurde in der Gruppe zu bewältigen versucht und die Gruppe schuf sich für diesen stetigen Bewältigungsversuch die Regeln und damit die Religion.

Zweifellos waren auch und gerade die alpinen Jäger auf “übernatürliche” Hilfe angewiesen. Wie sie diese Hilfe erflehten, ist noch nicht zur Gänze belegbar. Ob vor der Jagd als Bitte, ob nach der Jagd als Dank getanzt, die Jagd szenisch vorweggenommen oder mit Tieropfern gebeten oder gedankt wurde, ist genausowenig sicher wie die Frage, ab wann ein Priester oder Schamane eingeschaltet wurde.
Keineswegs als gesichert angesehen werden kann denn auch der von manchen Forschern unterstellte Bärenkult. Als Belege gibt es bisher nur das Drachenloch bei Vättis und das Wildenmannlisloch in den Churfirsten. Dort wurden Bärenschädel in Lagen gefunden, die natürliicherweise nicht möglich wären. Da die Schädel zudem mit Steinen umstellt und wohl auch zugedeckt waren, liegt die Vermutung nahe, dass der Bär als höheres Wesen verehrt wurde.

Mit Ende der Eiszeit tritt das Tier als Ziel der das ganze Leben bestimmenden Jagd eindeutig in den Mittelpunkt der Darstellung. Kleine Steinplättchen, Knochen und Geweihreste zeigen als Zeichnungen oder Skulpturen das jagdbare Wild bis zum Moschusochsen. Ein typisches Beispiel für solche Darstellungen sind die auf Steinplättchen eingeritzten Pferdeköpfe, die im Kesslerloch bei Thayngen gefunden wurden und vor gut zehn Jahrtausenden entstanden sein dürften.

Bereits vor Jahrtausende jünger ist dann, was als erster Hausaltar der Alpen angesprochen werden könnte: Riparo Gaban bei Martignano (Trento). Er fand sich unter einem Felsdach in einer dicken Siedlungsschicht, deren Spannweite von der Jungsteinzeit bis zur Bronzezeit reicht. In einer verdeckten Nische wurden vier Gegenstände mit offensichtlich religiösem Charakter entdeckt: ein ovaler Stein mit den Ritzlinien eines Menschenkopfes, eine Knochenplatte in Form einer stilisierten Frau mit besonders hervorgehobener Scham, ein Schweineknochen mit abstrakten Ritzverzierungen und schließlich eine rechteckige, zweimal durchlöcherte, ebenfalls mit Ritzverzierungen geschmückte Knochenplatte (Trento, Museo die Scienze Naturali).
Vor allem der Stein mit dem länglichen Gesicht ist bisher ohne Beispiel. Während der Körper nur mit wenigen Strichen abstrahiert angedeutet ist, erweckt das überbetonte Gesicht einen unmittelbaren Eindruck menschlichen Staunens. Unterstrichen wird dieser Eindruck noch von den zwei überdimensionalen Bartenden, die bis zur angedeutenden Gürtellinie herunterreichen.

Wesentlich deutlicher wird das Bild religiöser Gewohnheiten im Alpenraum ab der frühen Bronzezeit. Zwar sind die Mächte, denen geopfert wurde, weiterhin unbekannt. Dafür werden die Weihegaben sehr viel deutlicher, und die Opferplätze gewinnen an Beständigkeit. Weil die Reste eines Opfers aufgrund ihrer Heiligkeit nicht beseitigt werden durften, wuchsen die Plätze für Brandopfer nicht selten zu Hügeln von mehreren Metern Höhe! (sie zB
Brandopferplatz Langacker in Bad Reichenhall/Bayern).
Sehr unterschiedlich war die Lage solcher Opferstätten. Sie fanden sich in so unzugänglichen Höhen wie am knapp 2500 m hohen Burgstall bei Bozen ebenso wie in Siedlungen
(Dürrnberg bei Hallein) oder an Flüssen und besonderen Quellen.
Das beste Beispiel eines solchen Quellenheiligtums fand sich in 1800 m Höhe in der Mineralquelle von St. Moritz im Engadin. Innerhalb der hölzernen Quellfassung mit gut 4 m Durchmesser fanden sich bronzezeitliche Weihegaben: zwei Schwerter, ein Dolch und eine Schmucknadel (St. Moritz, Engadiner Museum). Etwa aus der gleichen Zeit stammt ein Bronzebeil, das einer Solequelle bei Bad Reichenhall geopfert worden war.
Während bei den Opfergaben an Quellen offentsichtlich dem Ursprung des Lebens und für die Gesundheit geopfert wurde, ist der Sinn der häufigen Brandopfer keineswegs eindeutig klar. So fand sich bei Spieu im Kanton Bern eine Gewandnadel, auf die fünf Armreifen und drei kleine Ringe gesteckt worden waren. Die Nadel selbst wurde umgebogen und so verschlossen, dass die acht Beigaben nicht mehr wegfallen konnten. Das seltsame Stück fand sich in Asche und Holzkohleresten, wurde also nach einem Brandopfer dargebracht.

Heiligtümer gänzlich anderer Art, aber nicht weniger rätselhaft, bergen einige Hochtäler. Zum einen sind es die faszinierenden Felszeichnungen an den Hängen des Mont Bego in der Nähe des Col de Tende in den französischen Seealpen. Zwischen 2000 und 2500 Meter Seehöhe finden sich hier rund 40000 Felszeichnungen, die keineswegs nur eingeritzt, sondern flächig eingraviert sind. Ihre Größe schwankt zwischen wenigen Zentimetern und mehreren Metern. Die Spannweite der Motive reicht von abstrakten geometrischen Formen über die Darstellung von Tieren und Geräten bis zur Darstellung von Menschen bei unterschiedlichsten Tätigkeiten.
Nach allem bisher über diese Felsbilder Bekannten scheint das Hochtal ein bronzezeitliches Heiligtum der Seealpenbewohner für den Gott von Feuer, Sturm und Wetter gewesen zu sein. Anhand der abgebildeten Waffen lässt sich die Entstehung der Zeichnungen auf die frühe und mittlere Bronzezeit datieren. nach etwa 1400 v. Chr. kamen keine neuen Zeichnungen mehr hinzu, erst wieder ab der Römerzeit und im Mittelalter. Sie allerdings sind in ganz anderem Zusammenhang zu sehen.

Einen noch viel umfangreicheren Fundus mit über 100000 Zeichnungen bietet zum anderen die
Valcamonica im oberen Teil des Oglio-Tales. Seit 1929 schon wird an der Erforschung dieser Bilderflut gearbeitet. Seit 1956 gibt es ein eigenes Institut, und seit einiger Zeit bereits können die “Spitzenprodukte” im Nationalpark bei Capo di Ponte bewundert werden.

Im Vergleich zu den Zeichnungen vom Mont Bego decken die in der Valcamonica einen wesentlich größeren Zeitraum ab. Die ältesten reichen bis in das Mesolithikum zurück, für die jüngsten ist ein signifikantes Ende dagegen bis zum Beginn der Römerzeit nicht feststellbar. Auch die zeitliche Zuordnung einiger Bildfolgen ist wesentlich schwieriger als am Mont Bego, weil unterschiedlich alte Zeichnungen vielfach ineinander übergehen.

Zwischen der frühesten, sogenannten protocamunischen Phase mit großen, die Seele des Wildes bannende Umrißzeichnungen und dem Neolithikum (5000 v. Chr.) klafft eine Fundlücke. Von da an entfalteten sich nach und nach aus kargen und kruden Ideogrammen bewegtere, beschreibende Zeichnungen mit realistischer Tendenz. Nicht mehr das jagdbare Tier, sondern der Mensch und sein Weltbefinden sind nun das Thema. Im Chalkolithikum, der Kupferzeit, gibt es schon komplexe Kompositionen aus dem rituellen Leben - auch monumentale: Zeit der
Stelen und Menhire. In der Bronzezeit (ab 3000 v. Chr.) werden es immer mehr Objekte, auch durch äußere Einflüsse und gesellschaftsverändernde Ereignisse wie die Einführung des Rades, des Karrens, der Metallurgie. Durch den Handel mit den Bronze-, später Eisenwaren, die in der Valcamonica hergestellt wurden, nimmt auch der kulturelle Austausch zu, und vom Ende der Bronzezeit (um 1000 v. Chr.) spiegeln die Felseinritzungen zwar vielerlei Dinge und Interessen, aber der “künstlerische Zyklus der Camuner”, mit Anati zu reden, neigt sich dem Ende zu. Es schwinden “Realismus und Dynamik”.

Deutlich ist um das fünfte vorchristliche Jahrhundert eine etruskische Einflußphase. Dann folgen die Römer mit ihnen die postcamunische Zeit.


Quelle: Schatzkammer Alpen von Dieter Maier